Der zweite Tag sollte uns nach Osterspai führen. Nach anfänglichem Nebel schaute dann doch die Sonne heraus und wir wanderten durch herrliche Laubwälder nach Braubach, um bei einer Führung durch die Marksburg die Funktionen von Ritterrüstungen, Foltergeräten und Keuschheitsgürteln kennenzulernen.

Leider mussten wir die letzten 10 km wieder im Regen zurücklegen, was der Fröhlichkeit in dieser tollen Gruppe keinen Abbruch tat.

Die erste Nacht in einem Städtchen direkt am Rhein bescherte uns das Problem, mit dem alle Rheintalbewohner zu kämpfen haben: Verkehrslärm durch Bahn, Schiff und Auto. Aber wo sollen sie auch hin. Wir machten uns am nächsten Tag trotzdem gut ausgeruht auf denWeg nach Kestert, vorbei an südafrikanischen Burenziegen und über den höchsten Punkt des Rheinsteiges. So schaurig die Sage der bösen Brüder der Burgen Liebenstein und Sterrenberg auch ist (sie brachten sich gegenseitig um), so schön ist der Rheinsteig zwischen Osterspai und Kestert, wo der Rhein seine Richtung um 180 Grad ändert. Wunderschön ist auch der Blick auf Boppard, dem letzten Ziel unserer Reise. Doch dazu später.

Unsere Wirtin im Goldnen Stern von Kestert gab uns am nächsten Morgen einen Wandertipp, der uns nicht auf dem direkten Weg zum Rheinsteig zurückführte, sondern durch die wunderschöne Pulsbachklamm.

Bei traumhaftemWetter wanderten wir nach St. Goarshausen, wo wir uns bei einer Tasse Kaffee entschlossen, die Gruppe zu teilen. Während die Einen den direkten Aufstieg zum Hotel Christian nahmen, schauten sich die Anderen noch den „Monsterbau” auf dem Patersberg aus der Nähe an. Wer dieses plattenbauähnliche Bauwerk genehmigt und gebaut hat, sollte bestraft werden.

Der Donnerstag sollte uns die Königsetappe des Rheinsteigs bescheren. (Keine ist länger und hat mehr Höhenmeter.) Es gibt Gipfel, denen haftet ein gewaltiger Mythos an: der Watzmann gehört dazu, der Brocken und eben auch die Loreley. Seit Brentano und Heine der blonden Lore auf dem Ley (Felsen) Leben einhauchten, ist der Aussichtspunkt über der engsten Rheinstelle in der ganzen Welt bekannt. Wir waren dort trotzdem fast allein und Oswald konnte uns das Lied der Loreley in Ruhe vortragen. „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin...”. Wir waren aber nicht traurig, sondern wanderten mit unserer schon erwähnten Fröhlichkeit weiter nach Kaub.

Der nächste Tag, es war der Tag nach der anstrengsten Etappe, sollte der Ruhetag werden. Aber wie in der Montagsgruppe üblich, reifen diese Tage zu solchen mit höchstem Erlebniswert. Bestes Rheinsteigwanderwetter bescherte uns eine Tour, die an der Fülle von schönen Eindrücken nicht zu übertreffen ist. Selbst Ulrich, der diese Wanderung als „cool down” Tour bezeichnete, nachdem er mit Jürgen Gartung die wohl besten Bergwander- und Klettertouren dieses Jahres gemacht hatte, äußerte seinen allseits bekannten Satz: „Dass ich das noch erleben durfte!” In Lorch ließen wir den Tag in der Straußwirtschaft des Weingutes Roessler bei Federweißem und Weinschorle, Zwiebel- und Flammkuchen ausklingen.

Der letzte Teil nach Rüdesheim führte uns durch Weinberge, herbstlich gefärbte Wälder und zum Niederwalddenkmal. Für den Abstieg gönnten wir uns eine Aufstiegshilfe: die Seilbahn. Schnell vorbei an der Drosselgasse nahmen wir die Fähre nach Bingen,umzu unserer Unterkunft in Niederheimbach auf der anderen Rheinseite zu kommen. Wie sagte doch vorgestern unser Wirt im Deutschen Haus in Kaub: „Das Schönste an der anderen Rheinseite ist der Blick zu uns!”

Schön wurde es allerdings am Abend in einer Weinwirtschaft, in der wir trotz eingeschränkter Speisekarte vorzüglich speisten, und einem eingefleischten Biertrinker der Unterschied zwischen saurem und trockenem Wein klar gemacht wurde; er entschied sich für einen „feinherben”.

Nun hatten wir nur noch den ausgefallenen Ruhetag vor uns, der, wie schon erwähnt, in üblicher Weise einen weiteren Höhepunkt bescherte: Der Mittelrheinklettersteig bei Boppard an der besagten 180 Grad Kehre des Rheins. 11 Kletterstellen an steilen Felswänden und 9 Leitern waren zu überwinden, ein Pfad mit grandiosen Weitblicken und fantastischen Tiefblicken führte uns zum Vierseenblick, der das Rheintal so erscheinen lässt, als bestünde es aus 4 Seen.

Danach kehrten wir in eine kleine Gaststätte ein, um gemeinsam ein letztes Mal zu essen undumauszulosen, wer diesen Bericht schreibt. Aber das hatten wir ja schon.

Während der Rückfahrt trafen wir noch einige Teilnehmer der Weinpfalzwanderwoche auf der Autobahn. Die hatten es „gut”, denn sie wurden mit dem ADAC nach Hause gebracht. Hinter uns lagen 110km Wanderstrecke und 5.000 Höhenmeter durch Laubwälder und Weinberge, Wiesen und Felder, über Waldwege und Felspfade.

Jetzt wissen wir, dass es am Rhein nicht schön ist, sondern W U N D E R S C H Ö N.

Rainer Fraatz

DAV Setion Celle

Nordwandhalle Hamburg

Login Form