Die Weinpfalz – kaum einer aus der Gruppe von 28 Wanderfreunden kennt diese Gegend ganz im Südwesten Deutschlands. Dass wir sie und so manche ihrer Schönheiten und Wahrzeichen näher kennen gelernt haben, dafür hat Eberhard Happe durch ein abwechslungsreiches Wander- und Besichtigungsprogramm gesorgt.

Unser Standquartier war, jedenfalls für die meisten, die Pension Bergterrasse in Annweiler am Trifels, schön über dem Ort mit Blick auf drei Burgruinen oder felsgekrönte Gipfel der Ausläufer des Pfälzer Waldes gelegen. Einmal wanderten wir direkt von dort aus, an den anderen Tagen ging es mit Pkw oder, dreimal, mit der Bahn zum Ausgangspunkt der Wanderungen. Unser Betätigungsfeld reichte von Neustadt bzw. Mußbach im Norden bis Bad Bergzabern im Süden. Das Wetter war uns, bis auf den letzten Tag, gewogen, doch auch bei dieser letzten Wanderung kam, als wir etwas durchnässt den Gipfel des Stäffelberges bei Bergzabern erreichten und vom Turm auf die sich schon färbenden Wälder blickten, die Sonne heraus. An Kilometern legten wir zwischen 15 und 18 täglich zurück, was, wenn man bedenkt, dass wir zu 70 % die 70 überschritten hatten, eine ganz befriedigende Leistung ist. Allerdings gab es an manchen Tagen für die nicht mehr so Rüstigen oder vorübergehend Behinderten die Möglichkeit, eine kleinere Schleife zu drehen.

Die berühmte Burg Trifels, in der im Mittelalter die Reichskleinodien aufbewahrt wurden, nahmen wir uns für später vor. Am Ankunftstage (Sonntag) rückten wir ihr nur etwas näher und speisten im Burgrestaurant an ihrem Fuß u.a. den fast so berühmten Saumagen, hier der Jahreszeit entsprechend mit Zusatz von Keschde, d.h. Esskastanien, zubereitet, sehr wohlschmeckend. (Vom Magen wird nur die Haut zum Füllen verwendet und vor dem Servieren entfernt.) Die Burg, in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in großzügiger, wenn auch innen veränderter Form wiederhergestellt, zeigt eine Ausstellung über Richard Löwenherz, der dort ein Jahr gefangen gehalten wurde, und vor allem die prächtigen goldenen juwelengeschmückten Kopien der Reichskleinodien des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Die Originale befinden sich jetzt im Historischen Museum in Wien.

Am Montag fuhren wir ein Stückchen mit der Bahn nach Birkweiler-Siebeldingen und wanderten die meiste Zeit überWeinhänge, die einen weiten Blick über das sanft gewellte Weinland erlaubten. Gelegentlich führte auch eine Strecke durch den Wald. Das war erholsam für die Füße, denn das Wandern durch dieWeinberge muss man heute meist mit Pflastertreten bezahlen wegen der Maschinen oder Motorfahrzeuge, die zur Pflege benutzt werden. Am Wegrand fanden sich gelegentlich Zwetschen- oder Birnbäume, viele Mandelbäume, deren Früchte aber zu hart zum Knacken waren; wir kosteten von den z.T. sehr wohlschmeckenden Trauben, waren uns aber nicht so ganz sicher, ob das wohl im Sinne der Winzer sei.

Am Dienstag ging es direkt von Annweiler über mehrere Höhen durch Mischwald zur Ruine Scharfenberg, zur Madenburg – mir sind vorwiegend aufgetürmte, weithin sichtbare rötliche Felsen in Erinnerung – und zur noch recht gut erhaltenen Ruine Landeck mit schöner Aussicht. Auf dem Rückweg konnte man in Klingenmünster von zwei hübschen, sehr jungen Mädchen, die dort auf dem Brunnenrand saßen, selbstgesammelte Walnüsse oder „Keschde“ kaufen.

Am Mittwoch übernahm vom Schuhmacherdorf Hauenstein ab Günter Heuers jüngerer dort in der Nähe lebender Bruder die Führung über den „Schusterweg“, einen Waldweg, der über mehrere Höhen mit schönen Ausblicken führt. In diesem Kastanien-Schlaraffenland konnten manche der Versuchung zum Sammeln nicht widerstehen. Den Rückweg nahmen wir durch das grüne Bachteil der Queich.

Donnerstag war in mancher Hinsicht der Höhepunkt. In Alsterweiler trafen wir Eberhards Bruder und Schwägerin; letztere stammt aus dem Weindorf St. Martin und konnte uns auf dem Weg dorthin durch die Weinberge und am Ort bestens die gewünschten Erklärungen geben und die schönsten Häuser zeigen. In der Kirche sangen wir – wie könnte es anders sein auf einer Wanderung mit Eberhard – einen Choral.War es vielleicht „All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu“? Weiter führte unser Weg hinauf zum Friedensdenkmal – ehemals, nach 1870/71 „Siegesdenkmal“ -, mit u.a. Büsten von KaiserWilhelm I., König Ludwig II. von Bayern und Prinzregent Luitpold, Reliefs mehrerer Generäle und hoch darüber einem farbenprächtigen Mosaik, das inzwischen auch mal von Franzosen als Zielscheibe benutzt wurde, nun aber wiederhergestellt ist und fortan hoffentlich dauerhaft als Friedenssymbol gelten wird. Dahinter eine Wirtschaft und Keschdebäumen, so dass man die Früchte im Sitzen aufsammeln konnte, um zu Hause „Keschdebrieh“, d.h. Kastaniensuppe auszuprobieren. (Die Verarbeitung der Früchte erfordert viel Liebe und Sorgfalt, long and living care, wie in meinem amerikanischen Kochbuch zu lesen steht!) Weiter ging es zur Ludwigshöhe, einer schlossartigen Sommervilla im klassizistischen Stil, die sich Ludwig I. von Bayern auf halber Höhe über den Weinbergen hat bauen lassen. Auf einen Park hat er verzichtet mit der Begründung, die ganze Pfalz sei ein Park. Wie recht hatte er! Ich werde nie den Blick vergessen von der Säulengalerie hinunter über die sanft abfallenden Weinfelder und die Dörfer Rhodt, wo seinerzeit die protestantische Königin Theresia zum Gottesdienst fuhr, und, weiter links, St. Martin, wohin sich der König zur Messe begab.Wir mussten uns aber davon trennen,um– unsportlich, aber bequem – mit einem Sessellift zur Ruine Rietburg auf dem bewaldeten Wipfel darüber zu gelangen. Für manche unter uns war die Fahrt ein furchterregendes Abenteuer!

Wieder ein noch weitreichender Ausblick bis zum Odenwald und Schwarzwald, und auf der Restaurationsterrasse Genuss von Zwetschenkuchen etc. möglich. Zu Fuß ging es nach Rhodt, einem dieser hübschen Weindörfer mit den sauber verputzten Winzerhäusern mit ihren großen, rundbogigen Einfahrtstoren und den quer über die Straßen gezogenen Weinreben. Der Linienbus brachte uns nach Maikammer, wo wir auf dem Winzerhof Wilhelm fruchtigeWeine probierten und in der offenbar sehr beliebten Weinstube Kiefer das Abendessen genossen – den größten Teil des Lärms dort steuerten nach meinem Eindruck wir selbst bei.

Am Freitag gab es nach der Zugfahrt bis Alsterweiler – die Umsteigebahnhöfe waren uns nun schon ganz vertraut – erstmal eine Standpauke von Eberhard, weil nicht immer alles so gelaufen war wie verabredet oder geplant, aber dann war die Luft wieder rein und wir wanderten, wieder durch Weinberge und Wälder, zum Hambacher Schloss hinauf, der „Wiege der deutschen Demokratie“. Eine Fünfer- Riege (wegen der Fünfer-Fahrkarten) – vier Damen plus männlichem Begleitschutz – nahm den längerenWeg über die „Kalmit“ genannte Anhöhe (673 m). Das Schloss ist gut restauriert, letzte Arbeiten sind noch im Gange; es zeigt eine Ausstellung über den Marsch der Studenten dort hinauf im Jahre 1832, die auf Freiheitsrechte pochten, die radikalen „Chaoten“ von damals. Unsere Zeit reichte allerdings dafür nicht. Es befindet sich auch ein „Standesamt” genannter schöner Saal darin und ein Edel-Restaurant. Eine Hochzeitsgesellschaft begab sich gerade von einem zum anderen.

Der zunächst nicht geplante, aber von befreundeter Seite empfohlene Ausflug nach Mußbach, um dort auf dem Hof einer Winzergenossenschaft das „Weinfest“, eine Dauerveranstaltung während der Weinlese, zu erleben, war für die meisten unter uns doch etwas enttäuschend: Man sitzt auf einem schmucklosen, großen zementierten Hof an langen Tischen auf Holzbänken und trinkt aus großen Plastikbechern neuen Wein, „Federweißen“, für uns Norddeutsche nicht jedermanns Sache nachmittags um vier, auch wenn man dazu deftige Kost oder Flammkuchen haben kann. Der letzte Tag führte uns, wie schon gesagt, bei Regen nach dem hübschen Bad Bergzabern (die Alternative Speyer wurde verworfen) mit seinem gelben Schloss mit dicken runden Türmen und seinem Kurpark, dann hinauf zum Stäffelsberg und der doch noch besonnten Aussicht vom Turm.

Ein letzter Besuch in unserem Lieblings-Speiselokal, der Weinstube „Zur Alten Gerberei“ unten am Bach bzw. dem „s’Reiwerle“; ein letztes gemütliches Zusammensitzen in unserem Quartier, jeder bei seinem Lieblingsgetränk, und ein letztes reichhaltiges Frühstück bei unserer Wirtsfamilie, am Sonntag besonders üppig, und die schöne Wanderwoche wird bald nur noch aus der Erinnerung heraus in unser Gemüt leuchten.

Vielen Dank, Eberhard!

Gudrun Blanke-Hepper

DAV Setion Celle

Nordwandhalle Hamburg

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